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Versteckter Zucker: Keine Regel, nur Ausnahmen

Die Pizza Margherita enthält mehr als drei Würfelzucker, das Bio-Müesli mit dem Hinweis «Ohne Zuckerzusatz» besteht zu fast einem Viertel aus Zucker. In Produkten, die nicht als süsse Lebensmittel wahrgenommen werden, ist oft sehr viel Zucker versteckt. Der Konsumentenschutz fordert von der Lebensmittelindustrie, auf die unnötige Beigabe von Zucker zu verzichten und mit dem Nutri-Score für eine verständliche Nährwertkennzeichnung zu sorgen.

Der Konsumentenschutz hat den Zuckergehalt von 95 Produkten von Coop, Migros, Aldi und Lidl untersucht. Diese gelten eigentlich nicht als süss. «Erschreckend ist, dass es keine Regel gibt, ausser dass wirklich in jedem Produkt zugesetzter Zucker stecken kann», fasst Konsumentenschutz-Geschäftsleiterin Sara Stalder die Erkenntnisse zusammen.

Was aufgefallen ist:

  • Teilweise enthalten die Produkte erschreckend viel Zucker. Eine M-Budget Tiefkühlpizza etwa schlägt pro 100 g mit 4 g Zucker zu Buche. Wer also eine solche Pizza isst, konsumiert drei ganze Würfelzucker (12 g). In einer ganzen Pizza Margherita der Billiglinie von Coop stecken insgesamt sogar 13,3 g Zucker (3,1 g Zucker pro 100 g). Dagegen beinhaltet die viermal so teure und dafür 60 g leichtere Sapori d’Italia Pizza immerhin nur etwas mehr als einen Würfelzucker (4 g), bei 1,2 g Zucker auf 100 g Pizza.
  • Der Preis ist kein Indikator, ob einem Produkt viel oder wenig Zucker zugefügt wurde. Sowohl das günstigste (wie bei Chäschüechli) wie auch das teuerste Produkt (Vollkorntoast) einer Kategorie kann am wenigsten Zucker enthalten.
  • Auch beim Toastbrot ist die Bandbreite gross. Die Spanne reicht von 6,1 g (Prix Garantie Toast) bis 1,7 g (diverse Migros-Sorten) pro 100 g Toast.
  • Deklarationen wie «Ohne Zuckerzusatz» führen Konsument:innen in die Irre. Ein Bio-Müesli mit Früchten der Migros mit dieser Angabe besteht mit 22 g Zucker auf 100 g jedoch zu fast einem Viertel aus Zucker. Dieser wurde nicht zugefügt, sondern rührt von den getrockneten Früchten her.
  • Bekannte Marken schützen vor Zucker nicht. Der Betty Bossi Blätterteig beispielsweise ist mit Invertzucker gesüsst und enthält pro 100 g immerhin einen Würfelzucker (4 g). Den Produkten der anderen Anbieterinnen wurde dagegen fast durchwegs kein Zucker zugefügt.

Generell gilt: Ob und wie viel Zucker zugesetzt wurde und wie viel aus den Rohstoffen kommt, ist für Konsument:innen gar nicht erkennbar.

Mit dem Versteckspiel aufhören

Auf der einen Seite geht die Lebensmittelindustrie mit der Erklärung von Mailand eine freiwillige Verpflichtung ein, den Zuckergehalt von bestimmten Produkten zu reduzieren. Auf der anderen Seite finden sich in vielen Produkten Zucker, in denen er eigentlich nichts zu suchen hat. «Die Lebensmittelindustrie soll endlich damit aufhören, in alle Produkte noch unnötigen Zucker beizumischen», verlangt Projektleiterin Josianne Walpen. Dies sieht auch ein Grossteil der Bevölkerung so. Mehr als 90 Prozent hat sich gemäss dem GFS-Ernährungsmonitor dafür ausgesprochen, dass Herstellerinnen auf unnötigen versteckten Zuckerzusatz in Fertigprodukten konsequent verzichten sollen.

Gleichzeitig muss es für die Konsument:innen auch einfacher werden, die Nährwerte eines verarbeiteten Produktes zu erfassen. Mit dem Nutri-Score wäre eine verständliche Kennzeichnung vorhanden. «Grosse Player wie Nestlé, Migros oder Coop sind wieder zurückgekrebst oder haben ihn nie angewendet», kritisiert Stalder, «die Anbieterinnen wollen die Bevölkerung nicht ernsthaft dabei unterstützen, sich ausgewogen zu ernähren.»

Wann ist zu viel zu viel?

Die WHO empfiehlt, täglich nicht mehr als 50 Gramm (g) Zucker zu sich zu nehmen. In der Schweiz liegt der durchschnittliche Konsum mit über 100 g allerdings doppelt so hoch. Der Verzicht auf Schokolade, Süssgetränke oder Backwaren schützt nicht davor, zu viel Zucker zu konsumieren. Denn dieser steckt mittlerweile auch in Produkten, bei denen viele nicht damit rechnen. Die Lebensmittelindustrie setzt ihn gerne und überall ein, weil er billig ist und den Geschmack verstärkt. Für die Gesundheit ist das problematisch: Zucker trägt massgeblich zu Übergewicht und Adipositas, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei.