Strompreise 2027: Undurchsichtiger Tarifdschungel
Die Strompreise sinken nur leicht, gleichzeitig wird das Tarifangebot deutlich komplexer: Das lässt sich aus den neuen Stromtarifen 2027 ableiten, welche die Elektrizitätskommission ElCom heute veröffentlicht hat. Neue Modelle, unterschiedliche Varianten und teils verpflichtende Umstellungen verkomplizieren die ohnehin schon schwer verständliche Schweizer Tariflandschaft.
2027 führen zahlreiche Versorger zusätzliche Tarifmodelle ein. Das traditionelle Tag-/Nachtmodell stammt aus einer Zeit, in der nachts überschüssige Kernenergie vorhanden war und mittags am meisten Strom verbraucht wurde. Das ist heute anders: Photovoltaikanlagen produzieren am Nachmittag am meisten Strom und Wärmepumpen oder Elektroautos verbrauchen über den ganzen Tag verteilt. Die Versorger reagieren darauf – aber alle mit ihrem eigenen System. Das Resultat ist ein kaum durchschaubares Schweizer Tarifchaos:
- Dynamische Netznutzungstarife: Die Preise verändern sich je nach aktueller Netzsituation. Intensive Sonneneinstrahlung senkt die Tarife. Diese können stündlich oder sogar viertelstündlich ändern.
- Dynamische Tarife für Netz und Energie: Die Preise für die Netznutzung und Energie verändern sich je nach aktueller Netzsituation und Stromproduktion. Sonnenschein senkt auch hier die Tarife.
- Leistungstarif: Die Abrechnung richtet sich nach der höchsten Leistungsspitze im Monat. Wer viele Geräte gleichzeitig nutzt, bezahlt einen Zuschlag.
- Saisonale Tarife: Die Tarife sind im Sommer tiefer als im Winter.
- Flexible Tarife mit Solarfenster: Zu Zeiten hoher Solarproduktion gelten tiefere Preise für die Netznutzung und/oder die Energie. .
- Zeitfenster Tarife: Die Tarife ändern sich zu bestimmten fixen Zeitfenstern.
- Hoch-/Niedertarif: Das klassische Tag‑/Nachtmodell, wobei die Tarife nachts tiefer und tagsüber höher sind. Immer mehr Netzgebiete schaffen dieses Modell ab.
«Es braucht eine Anpassung an die neue Stromproduktion mit erneuerbaren Energien. Wenn dies jedoch in jeder Gemeinde unterschiedlich gehandhabt wird, führt das zu einem undurchsichtigen Tarifchaos für die Konsument:innen», kritisiert Sara Stalder, Geschäftsleiterin des Konsumentenschutzes.
Wer profitiert – und wer nicht?
Von dynamischen Modellen profitieren vor allem Haushalte mit grossen, flexibel steuerbaren Verbrauchern wie Elektroautos oder Wärmepumpen, die über ein Energiemanagementsystem gesteuert werden. Das sind heute vor allem Eigentümer:innen mit moderner Infrastruktur. Haushalte und Mieter:innen ohne solche Geräte oder ohne Einfluss auf deren Anschaffung gehen leer aus. «Dynamische Tarife setzten technisches Verständnis und eine digitale Infrastruktur voraus. Viele Konsument:innen können keinen Nutzen daraus ziehen, sondern zahlen sogar mehr. Solche Modelle müssen daher zwingend freiwillig bleiben», sagt Stalder.
Gewinne für Stromkonzerne, kaum Entlastung für Haushalte
Immerhin sinken im kommenden Jahr die Tarife der Grundversorgung im Median um rund 4 %. Doch nach den massiven Preissprüngen der Energiekrise fällt die Reduktion zu bescheiden aus. 2023 und 2024 stiegen die Tarife um 27 % beziehungsweise 18 %, in den letzten beiden Jahren sanken sie lediglich um 10 % und 4 %. Die Haushalte zahlen damit weiterhin deutlich mehr als vor der Krise. In einzelnen Regionen steigen die Tarife sogar.
Gleichzeitig erzielen die grossen Stromproduzentinnen weiterhin hohe Gewinne. Alpiq, Axpo und BKW verdienten selbst während der Energiekrise Milliarden durch den internationalen Energiehandel. Stalder bilanziert: «Vor diesem Hintergrund wirkt die minimale Tarifsenkung für Haushalte absurd.»
