Dark Patterns in Microsoft Betriebssystemen
In Windows 1o und Windows 11 werden Benutzer:innen teils zu Einstellungen verleitet, die sie nicht möchten. Ein Report im Auftrag von Mozilla zeigt, dass Microsoft systematisch versucht, Nutzer:innen vom Verwenden anderer Browser (wie Firefox) abzuhalten.
Mozilla (Entwicklerin des Browsers Firefox) hat einen neuen Report zu Dark Patterns und anderen Manipulationstechniken in den Betriebssystemen Windows 10 und 11 veröffentlicht. Manipulative Elemente und Designs, die Entscheidungen von User:innen auf Webseiten und in (Spiele-)Apps beeinflussen, stellen bereits ein Problem dar. Dark Patterns auf Ebene der Betriebssysteme sind jedoch noch problematischer.
Im Report geht es um Dark Patterns und Manipulationsversuche in Bezug auf den Internet-Browser Microsoft Edge. Andere Manipulationsversuche, die sich nicht auf die Browser-Wahl beziehen, wurden nicht untersucht. Da Mozilla als Konkurrentin von Microsoft Edge den Report in Auftrag gegeben hat, kann ein gewisses Eigeninteresse nicht ausgeschlossen werden.
Was macht Dark Patterns in Betriebssystemen besonders?
Ausweichen stark erschwert
Für die meisten digitalen Dienstleistungen gibt es Alternativen, auf die Konsument:innen ausweichen können. Dieser Wechsel gestaltet sich unterschiedlich schwierig. Während der Ersatz einer Videostreaming-App relativ leichtfällt, ist der Wechsel auf eine andere Messenger-App bereits aufwendiger (Tschüss, WhatsApp!).
Das Wechseln eines Betriebssystems ist ein noch grösseres Unterfangen, wenn es überhaupt möglich ist. Auf den meisten Windows-Rechnern lässt sich zwar Linux installieren, der Vorgang und die Datenmigration benötigen aber mehr Expertise als das Ändern einer App oder eines Abos.
Tief verankerte Manipulation
Wer ein Betriebssystem kontrolliert, hat grössere und tiefergreifende Möglichkeiten zur Einflussnahme. Die System-Entwickler:innen bestimmen, welche Programme oder Apps vorinstalliert sind und wie sich Systemprozesse verhalten. Zudem haben sie auch bei der Gestaltung der Bedienungsoberfläche komplett freie Hand.
Entwickler:innen von Betriebssystemen können somit in einem Ausmass auf die Funktionsweise eines Geräts einwirken, das anderen Software-Entwickler:innen nicht möglich ist. Das Unternehmen Microsoft nutzt das gemäss dem Report aus, um mit Dark Patterns seine Interessen durchzusetzen.
Was für Dark Patterns und Manipulationstechniken verstecken sich laut Report in den Betriebssystemen?
Wie erwähnt beschränkt sich der Report auf Manipulationsversuche in Bezug auf den Internet-Browser. Die Autor:innen des Reports (Harry Brignull und Cennydd Bowles) haben dazu Windows 10 und 11 (in der Home-Version) in unterschiedlichen Regionen installiert. Als Regionen wurden die USA, Indien, Grossbritannien und Deutschland gewählt. Die Forschenden haben deutliche Unterschiede zwischen den Regionen festgestellt, welche sie primär auf EU-Regulierungsmassnahmen zurückführen.
Werbung für Microsoft Edge in Microsoft Edge
Microsoft betreibt den Internet-Browser Microsoft Edge. Es ist zwar einer der 5 am weitesten verbreiteten Internet-Browser, liegt aber deutlich hinter Google Chrome zurück. Nach der Installation von Windows ist Microsoft Edge vorinstalliert – in der Regel als einziger Browser.
Wenn Benutzer:innen nun einen anderen Browser installieren möchten (empfehlenswert: Firefox oder Brave), müssen sie Microsoft Edge nutzen, um nach der entsprechenden Seite zum Herunterladen des neuen Browsers zu suchen. Laut Report zeigt Bing User:innen, die in der Suchmaschine Microsoft Bing nach «download chrome» suchen, in gewissen Regionen (USA, Indien, Grossbritannien) spezielle Meldungen, mit denen sie vom Browserwechsel abgebracht werden sollen. So erklärt Bing beispielsweise, dass Edge alle Funktionen (und zusätzliche) von Google Chrome habe, und weist beim Downloaden darauf hin, dass Microsoft auf Edge vertraue.
Manipulationen beim ersten Start von Edge
Je nach Region gibt es unterschiedliche Werbeeinblendungen für den Browser von Microsoft. In allen Regionen wurde im Report eine Meldung festgestellt, in der Microsoft Edge als «der empfohlene Browser auf Windows» bezeichnet wurde. Danach folgte in allen Regionen die Auswahl von Synchronisierungs-Einstellungen, bei denen standardmässig alle Optionen aktiviert sind.
Zum Abschluss bittet Microsoft um die Weitergabe der gesamten Browserverläufe. Diese Informationen finden sich nur im kleingedruckten Text. Im Titel wird von zusätzlicher Nützlichkeit («Help us make Microsoft experiences more useful to you») für die Benutzer:innen gesprochen. Während Benutzer:innen in Indien und den USA die vorausgewählte Zustimmung abwählen mussten, war die Option in Deutschland und Grossbritannien nicht vorausgewählt.
Weitere Dark Patterns in Windows
Microsoft greift auch an anderen Stellen in die Trickkiste. Der Report hat festgestellt:
- Windows 11 fragt bei Browsern wie Firefox nach, ob diese an die Taskleiste fixiert werden sollen. Der eigene Microsoft Edge-Browser ist standardmässig fixiert.
- Auch nach dem Wechsel auf einen anderen Browser bleiben einzelne Dateitypen (darunter PDF) in den Windows-Einstellungen mit Microsoft Edge verknüpft.
- Nach Windows Updates kann es vorkommen, dass ein Dialog erscheint, der behauptet, dass der PC noch nicht vollständig eingerichtet ist. Ein Dialog empfiehlt den Wechsel zu Microsoft Edge, ein anderer eine Testversion von Microsoft 365 und ein weiterer die Nutzung von OneDrive.
- Windows Suche öffnet teilweise Microsoft Edge beim Klicken auf Links statt den anderen (festgelegten) Browser.
- Windows Widgets öffnen teilweise Microsoft Edge bei einem Klick statt den anderen (festgelegten) Browser.
- Windows Copilot öffnet teilweise Microsoft Edge beim Klicken auf Links statt den anderen (festgelegten) Browser.
- Beim Wiederherstellen eines Windows Backups wird teils Microsoft Edge wieder als Standard-Browser festgelegt, obwohl das beim Erstellen des Backups nicht der Fall war.
Diese manipulativen Methoden wurden nicht in sämtlichen Regionen festgestellt. Besonders häufig waren die Funde bei den Windows-Installationen aus den USA und Indien.
Wieso sind die manipulativen Techniken für Konsument:innen in der Schweiz relevant?
Viele der aufgefundenen Dark Patterns in den Betriebssystemen Windows 10 und 11 sind vor allem in den USA, Grossbritannien und Indien verbreitet. In Deutschland, welches sich in der Europäischen Union befindet, wurden deutlich weniger Manipulationsversuche entdeckt. Wie Grossbritannien ist auch die Schweiz weder Mitglied des EWR noch der EU. Entsprechend ist das EU-Recht, das zumindest teilweise vor diesen Praktiken schützt, in der Schweiz nicht anwendbar.
In der Schweiz gibt es keine digitalspezifische Regulierung für marktbeherrschende oder marktmächtige Unternehmen. Der möglicherweise anwendbare Art. 7 Kartellgesetz ist technologieneutral formuliert, jedoch in seinen Formulierungen von klassischem Handel geprägt. Es dürfte sich zeigen, ob das Kartellgesetz auch Verhaltensweisen auf digitalen Märkten genügend abdeckt. Denn nachdem Google eine Auswahlmaske zur Festlegung der Standardsuchmaschine in der Schweiz entfernt hatte, hat das Sekretariat der Wettbewerbskommission (WEKO) am 14. Juli 2027 eine Vorabklärung eröffnet. Falls Google mit der Anpassung unbestraft davonkommt, dürften weitere Bigtech-Unternehmen dem Beispiel folgen.
Ausführliche Informationen und Beispiele zu Dark Patterns (da-pa.ch)
