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„Konsumenten sind stark, brauchen aber Verbündete“

Geschichten aus 50 Jahren SKS

 Interview mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga, langjährige Geschäftsleiterin und Stiftungsratspräsidentin der SKS

Simonetta Sommaruga

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Die Zeit als Konsumentenschützerin war prägend: Simonetta Sommaruga verliert auch als Bundesrätin die
Interessen der Konsumentinnen und Konsumenten nicht aus den Augen. 

Während anderthalb Jahrzehnten wurde Konsumentenschutz in der Schweiz mit Simonetta Sommaruga gleichgesetzt. Als Geschäftsleiterin und Stiftungsratspräsidentin der Stiftung für Konsumentenschutz, aber auch als Politikerin im National- und Ständerat hat sie die Interessen der Konsumentinnen und Konsumenten hartnäckig und erfolgreich vertreten.

jw/ Im Herbst 2010 wurde die Berner Ständerätin und SKS-Stiftungsratspräsidentin in den Bundesrat gewählt. Mit der Wahl verabschiedete sie sich nach 17 Jahren von der Stiftung für Konsumentenschutz. Anlässlich des 50jährigen Jubiläums halten wir mit Bundesrätin Sommaruga Rückschau auf ihre Zeit bei der SKS, fragen aber auch, was sie der SKS für die Zukunft wünscht.

Geschäfte mit starkem Konsumentenbezug landen auch auf dem Tisch der Vorsteherin des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements. Wie weit können Sie Einfluss nehmen auf diese Geschäfte und sie konsumentenfreundlich ausgestalten?

Die Perspektive der Konsumentinnen und Konsumenten begleitet mich immer noch, auch wenn ich jetzt als Bundesrätin eine andere Rolle innehabe. Zum Beispiel ist es aktuell mit dem Urheberrecht oder dem Vertragsrecht sehr wichtig, dass die Interessen der Konsumentinnen und Konsumenten auch berücksichtigt werden.

„Konsumentenschützerin in der Höhle des Löwen“, titelte der landwirtschaftliche Informationsdienst 1997 nach Ihrem Besuch bei einer Viehzüchter-Versammlung. Das tönt nach harten Auseinandersetzungen mit landwirtschaftlichen Kreisen?

Damals war es ungewohnt, dass die Konsumentinnen und Konsumenten ihre Ansprüche anmelden und mitentscheiden wollen, was die Landwirtschaft produziert. Das hat Widerstand ausgelöst. Die Diskussionen mit Bäuerinnen und Bauern waren häufig hart und emotional. Aber diese Auseinandersetzungen waren für mich eine sehr gute Schule. Bei den Bauern habe ich gelernt, dass es wichtig ist, Verbündete zu suchen. Konsumenten alleine sind zwar stark. Um auf politischer Ebene etwas zu erreichen, müssen sie aber Verbündete finden.

War der persönliche Kontakt hilfreich, um die Bauern für Ihre Anliegen zu gewinnen?

Die Bauern waren guten Argumenten gegenüber immer offen. Und sie haben es geschätzt, dass ich mich für ihre Arbeit interessiert habe. Ich war sehr viel auf den Höfen und in den Ställen und wollte sehen, wie sich politische Massnahmen konkret auswirken. Das mache ich auch heute als Bundesrätin: Ich habe den Anspruch zu wissen, von was ich rede, und besuche darum Gefängnisse oder reise nach Tunesien, um in einem Lager mit Flüchtlingen zu sprechen. Wie wichtig das ist, habe ich bei den Bauern gelernt.

Harte Auseinandersetzungen führten Sie auch im Zusammenhang mit Gentechnologie. Fanden Sie auch hier Verbündete bei den Bauern?

Das ist ein gutes Beispiel: Zu Beginn der Diskussion wurden vor allem die Vorteile der Gentechnologie ins Feld geführt, die Bauern waren teilweise verunsichert. Als sie jedoch realisierten, dass bei den Konsumentinnen und Konsumenten eine sehr breite Ablehnung besteht, haben wir uns gefunden und die Gentechfrei-Initiative lanciert. Es ist heute unbestritten, dass die gentechnikfreie Schweizer Landwirtschaft für die Bauern ein Konkurrenzvorteil gegenüber dem Ausland ist.

In Ihre Zeit als Geschäftsleiterin fielen auch die Diskussionen über biologische und ökologische Produktion. Sie haben sich vehement für eine klare Regelung ausgesprochen.

Vor 20 Jahren begann man sich immer stärker dafür zu interessieren, wie Lebensmittel produziert werden. Die Anbieter reagierten auf dieses Bedürfnis. Sie schrieben möglichst viel mit „biologisch“ an und verlangten dafür einen höheren Preis. Die Stiftung für Konsumentenschutz hat gegen harten Widerstand dafür gekämpft, dass die biologische Produktion strenge Kriterien erfüllen muss. Dieser Einsatz der SKS hat sich gelohnt: Nur wirklich höhere Anforderungen gewähren längerfristig, dass die Bioproduktion glaubwürdig bleibt.

Auch wenn das höhere Preise bedeutet?

Die Haltung der Stiftung für Konsumentenschutz wurde schon damals deutlich: Wichtig ist das Preis-Leistungs-Verhältnis, aber auch die Arbeitsbedingungen, die ökologischen Auswirkungen und der Ressourcenverbrauch. Das haben wir konsequent durchgezogen, auch wenn wir früher dafür belächelt wurden.

2002 gewannen Sie einen Prozess gegen Novartis. Der Pharmariese musste wegen Täuschung 20‘000 Franken Busse zahlen. Novartis hatte ein und dasselbe Medikament unter neuem Namen teurer verkauft. Ein grosser Erfolg für Sie?

Für die SKS war dieser Prozess ein wichtiger Schritt. Die Öffentlichkeit und auch die Politik haben begriffen, dass die SKS genau hinschaut und einschreitet, wenn die Konsumentinnen und Konsumenten getäuscht werden.

Trotz grossen Anstrengungen ist die SKS – wie die anderen Schweizer Konsumentenorganisationen – in den letzten Jahrzehnten nur langsam gewachsen. Wo liegen Ihrer Ansicht nach die Gründe dafür?

In vielen Ländern werden die Konsumentenorganisationen vom Staat finanziell viel stärker unterstützt als in der Schweiz. Da die Stiftung für Konsumentenschutz kein Geld von der Wirtschaft annimmt und vom Staat auch nur so wenig, dass er nicht Einfluss nehmen kann, ist sie   unabhängig. Das verschafft der SKS eine (sehr) hohe Glaubwürdigkeit. Das bedingt allerdings, dass möglichst viele Mitglieder ihren Jahresbeitrag bezahlen.

Und was ist wichtiger: die Unabhängigkeit oder das Geld?

Im Abwägen zwischen Wachsen und Unabhängigkeit habe ich der Unabhängigkeit immer sehr hohes Gewicht beigemessen. Und man darf nicht vergessen: Der Einfluss der SKS ist beträchtlich, obwohl sie eine kleine Organisation ist.

Simonetta Sommaruga galt während 17 Jahren als die gewichtige und ernst zu nehmende Stimme im Bereich des Konsumentenschutzes in der Schweiz: 1993 übernahm sie die Leitung der SKS, als diese mit massiven finanziellen Problemen ums Überleben kämpfte. Dank ihrem Engagement, ihrer Präsenz in der Öffentlichkeit und ihrem Talent, Verbündete zu gewinnen, brachte Simonetta Sommaruga die SKS wieder auf Kurs. Ab dem Jahr 2000 bis zu ihrer Wahl in den Bundesrat 2010 stand sie der Stiftung als Präsidentin vor.
Die ausgebildete Pianistin verfolgte auch eine erfolgreiche politische Karriere: Ab 1997 war sie Gemeinderätin in Köniz, von 1999 an Nationalrätin und ab 2002 Ständerätin für den Kanton Bern. Seit ihrer Wahl in den Bundesrat im Herbst 2010 führt sie das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement.

 


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