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Messbar verwirrt

2 Zentimeter dick ist die Mappe, die nach eineinhalb Stunden „Beratung“ vor mir auf dem Tisch liegt. Ein gewiefter Makler hat heute die Situation meiner Krankenkasse analysiert, um auf neue – teilweise billigere – Lösungen hinzuweisen. Diesem Treffen waren einige Telefongespräche vorausgegangen, doch begonnen hat die Geschichte mit der noch erlaubten, weit verbreiteten Telefonanwerbung.

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Beim heutigen Gespräch geht’s Schlag auf Schlag. Ich halte mich absichtlich mit kritischen Fragen zurück, lasse es ohne Einwand zu, dass der Agent meinen Gesundheitsfragebogen ausfüllt und er mich belehrt, dass das Fehlen einer Patienten-Rechtsschutzversicherung unverantwortlich sei. Meine Erwartungen erfüllen sich innerhalb der ersten Gesprächsminuten: Dieses Treffen hat keineswegs zum Zweck, mir eine günstigere Grundversicherung schmackhaft zu machen. In der dicken Informationsmappe warten hauptsächlich Unterlagen zu Zusatzversicherungen, die mir im Folgenden plausibel und mittels zweckdienlicher Beispiele mit dem Prädikat „unentbehrlich“ vorgestellt werden: So kann ich beispielsweise für weniger als 5 Franken pro Monat eine Unfallversicherung für mein Kind abschliessen. Damit sind die Kosten für Nachhilfeunterricht abgedeckt, wenn das Kind mehrere Tage den Unterricht verpasst. Oder für lediglich 25 Franken im Monat sichere ich mir eine garantierte Auszahlung von 2’500 Franken, wenn ich mich länger als 24 Stunden im Spital aufhalte – damit ich sofort einen Bademantel oder einen neuen Pyjama kaufen könne. Natürlich haben die Zusatzversicherungsmodule dynamische Namen und werden einer Abkürzung zugeordnet, die ich dann auf der vorbereiteten Offerte antreffe: Nebst der Grundversicherung hat mir der Versicherungsverkäufer sieben weitere Zusatzmodule aufgeführt. Eine Prognose punkto Preis sei schwierig, höre ich, besonders weil nicht klar sei, wie sich meine jetzigen Krankenkassenprämien entwickeln werden. Trotzdem baut der Verkäufer seine Berechnungen für meine voraussichtlichen Einsparmöglichkeiten auf dieser schwammigen Basis auf. Das Vorstellen der verschiedenen Angebote, welche der Herr aus der zentimeterdicken Mappe hervorzauberte, passiert im Minutentakt. Immer wieder verkneife ich mir ein Schmunzeln: „If you cannot convince them, confuse them!” Trotz einiger Vorkenntnisse brummt mir der Schädel nach über einer Stunde gewaltig, die Verwirrtaktik zeigt auch bei mir die gewünschte Wirkung. Je weniger ich verstehe, desto stärker wird meine Gewissheit, dass ich zukünftig nie mehr ohne Bedenkzeit einen Vertrag unterschreibe. Übrigens: Der Filzstift, mit welchem der verkaufsgewandte Mann heute meine Offerte, meinen Gesundheitsfragebogen und das Beratungsprotokoll ausgefüllt hat, verblüffte mich: Zweimal hat der Verkäufer – schwupp – mit dem Deckel einen Verschreiber ausradiert. Meine Empfehlung an Sie: Um weitere Verwirrmanöver möglichst auszuschliessen beharren Sie darauf, dass Ihr Versicherungsverkäufer mit Ihrem garantiert nicht auslöschbaren Kugelschreiber schreibt.

Sara Stalder

Geschäftsleiterin Stiftung für Konsumentenschutz


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